Daten als Sprache: Die Kluft zwischen GPS und taktischer Realität überbrücken

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Niklas Virtanen beim FC Midtjylland

Das Wichtigste in Kürze:

  • Von „Anzeigetafeln“ zur Sprache: Gehen Sie über rückblickende GPS-„Bewertungsbögen“ hinaus und betrachten Sie Leistungsdaten als gemeinsame Entscheidungssprache, die die Sportwissenschaft direkt mit dem taktischen Modell des Trainers verbindet.
  • Die GPS-IMA-Hierarchie: Nutzen Sie GPS zur Überwachung des „Motors“ (körperliche Leistungsfähigkeit und Umfang) und setzen Sie gleichzeitig die Inertial Movement Analysis (IMA) ein, um den „Fahrer“ (Bewegungsqualität, multidirektionale Intensität und rollenspezifisches Verhalten) zu entschlüsseln.
  • Das Signal „ungewöhnliche Belastung“: Nicht hohe Belastung ist der Hauptgrund für Leistungsabfall, sondern eine ungewohnte Belastung. Durch die Überlagerung von IMA-Daten mit GPS-Daten lassen sich subtile Abweichungen in den Bewegungsmustern erkennen, sodass vorausschauende Trainingsanpassungen vorgenommen werden können, bevor die Leistung nachlässt.

Im Spitzenfußball hört man oft, dass „Daten König sind“. Für Niklas Virtanen, Leiter der Sportwissenschaft beim FC Midtjylland, sind Daten jedoch nur so wertvoll wie die Entscheidungen, zu denen sie führen. Für Niklas besteht die Herausforderung nicht nur darin, zu erfassen, wie weit ein Spieler läuft, sondern auch darin, den Kontext, den körperlichen Aufwand und das taktische Verhalten hinter jedem zurückgelegten Meter zu verstehen.

„Die Branche hat ein Jahrzehnt damit verbracht, das ‚Scoreboard‘, also die GPS-Werte nach dem Spiel, zu perfektionieren“, erklärt Niklas. „Aber die Zukunft der Sportwissenschaft liegt nicht darin, diese Zahlen isoliert zu betrachten. Es geht darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, in der GPS- und andere Leistungsdatenströme, wie beispielsweise die Inertial Motion Analysis (IMA), zusammenwirken, um das Verhalten im Fußball zu beschreiben.“ 

In Zusammenarbeit mit Catapult setzt sich Niklas für einen „Practitioner-First“-Ansatz im Umgang mit Daten ein, der mit einer zentralen Leistungsfrage beginnt und mit einer Entscheidungsregel endet.

DIE GRUNDLAGEN DEFINIEREN: GPS UND DAS PHYSISCHE „BUDGET“

Um die Feinheiten von IMA zu verstehen, muss man zunächst die Grundlage berücksichtigen: GPS. Kennzahlen wie die Gesamtdistanz und das Laufen mit hoher Geschwindigkeit (HSR) bilden die unverzichtbaren Eckwerte jedes Hochleistungsprogramms.

Für Niklas liefert GPS einen grundlegenden Überblick über die physische Exposition. Es hilft den Mitarbeitern dabei:

  • Ermitteln Sie, ob die Spieler genügend Belastungsreserven aufgebaut haben, um den Anforderungen des Wettkampfs standzuhalten, und ob die Trainingszyklen eher die Belastbarkeit fördern als Ermüdung zu verursachen.

„Das GPS zeigt uns, ob der ‚Motor‘ läuft“, sagt Niklas. „Es stellt sicher, dass der Sportler körperlich in der Lage ist, auf den Platz zu gehen. Das ist ein unverzichtbarer Aspekt der Vorbereitung und Sicherheit. Aber beim Fußball geht es nicht nur um den Motor – sobald der Motor läuft, müssen wir wissen, wie das Auto gefahren wird.“

Niklas Vitanen hält auf dem DFB-Campus in Deutschland im Rahmen der Veranstaltung „Catapult + Impect“ einen Vortrag über die Inertial Movement Analysis (IMA).

WARUM IMA WICHTIG IST

Während das GPS die Karte der Trainingseinheit liefert, liefert die Inertial Movement Analysis (IMA) hochauflösendes Bildmaterial darüber, wie sich die Spieler tatsächlich bewegen. Die IMA kategorisiert Bewegungen wie Sprünge, Richtungswechsel, Zusammenstöße und explosive Übergänge. Diese Ereignisse liefern einen mechanischen Kontext, den distanzbasierte Messwerte nicht erfassen können. Mithilfe des Catapult Football Movement Profile (FMP) und der Trägheitsdaten können Trainer verborgene Bewegungsmechanismen identifizieren, die distanzbasierte Messwerte möglicherweise übersehen.

DAS „VERSTECKTE SIGNAL“ IN DER TASCHE

Nehmen wir einen kreativen Mittelfeldspieler, der im „Pocket“ agiert. Seine GPS-Daten könnten eine ähnliche Gesamtlaufleistung wie die eines Flügelspielers anzeigen. Seine IMA-Daten, die über dreiachsige Beschleunigungsmesser und Gyroskope erfasst werden, zeigen jedoch ein hohes Maß an:

  • Bewegungen in alle Richtungen: Im „Pocket“ zu agieren bedeutet, sich in einem 360°-Umfeld zu bewegen und die Körperausrichtung ständig an den Ball, die Gegner und den Raum anzupassen
  • Explosive Mikroaktionen: Kurze, scharfe Drehungen, Körperfinten und Richtungswechsel, mit denen in engen Räumen Raum gegenüber den Verteidigern geschaffen wird.
  • Kontakte auf engstem Raum: Den Ball unter Druck annehmen und schützen, Zusammenstöße abfedern und in engen Situationen die Kontrolle behalten.

„Bei einem Rondo oder einem Spiel mit kleinen Mannschaften erfasst das GPS Beschleunigungen und Abbremsungen und zeigt, dass die Übung körperliche Anforderungen stellt“, erklärt Niklas. „Aber das ist nur ein Teil des Gesamtbildes. Auf engem Raum sind die Spieler ständig den oben beschriebenen Bewegungsabläufen ausgesetzt. Wenn man dieses Signal ignoriert, läuft man Gefahr, eine wichtige Ursache für Ermüdung zu übersehen.“

DIE BAND-ANALOGIE: SPEZIFISCHE VORBEREITUNG

Wie oben beschrieben, stellen verschiedene Positionen und Spielbereiche im Fußball ganz unterschiedliche Anforderungen an die Bewegungsabläufe. Mithilfe von GPS lässt sich feststellen, ob ein Spieler über die körperliche Leistungsfähigkeit verfügt, um im Wettkampf zu bestehen, während aus den Daten von Trägheitssensoren abgeleitete Kennzahlen Aufschluss über die spezifischen Bewegungsanforderungen seiner Position geben.

Bei Einzelübungen geht es selten darum, Fähigkeiten isoliert zu trainieren. Fähigkeiten sind das Ergebnis des gesamten Trainingsprozesses. Vielmehr sollten die Übungen widerspiegeln, wie sich die Spieler im Spiel bewegen und verhalten – oder wie wir uns ihr Verhalten wünschen.

Niklas verwendet eine anschauliche Analogie, um zu beschreiben, wie er diese Ebenen bei der Trainingsgestaltung anwendet. Stellen Sie sich ein Orchester vor, das sich auf eine Symphonie vorbereitet:

  • Individuelles Verhalten: Wie Musiker, die sich auf eine Symphonie vorbereiten, übt jeder Musiker die Bewegungen und Verhaltensweisen ein, die für seine Rolle erforderlich sind. Ein Geiger übt nicht das Klavierspielen, um ein „Leistungsziel“ zu erreichen, sondern er übt das Verhalten, das für sein Instrument und seine Rolle erforderlich ist.
  • Der Dirigent: Im Fußball fungiert der Cheftrainer als Dirigent, der die einzelnen Rollen durch taktische Übungen zusammenführt, bei denen die Spieler ihr Verhalten innerhalb der Mannschaftsstruktur harmonisch aufeinander abstimmen.
  • Die Grundlage: So wie Musiker Ausdauer und Selbstbeherrschung benötigen, um eine ganze Symphonie durchzuspielen, sorgen die Leistungstrainer dafür, dass die Spieler über die körperliche Leistungsfähigkeit verfügen, diese Bewegungen während des Trainings und der Spiele wiederholt auszuführen, während sie gleichzeitig die Belastung überwachen und die Belastbarkeit der Spieler aufrechterhalten.

„Wenn wir das Training nur mit GPS steuern, zwingen wir die Stürmer zu Übungen, die nicht der Art und Weise entsprechen, wie sie sich im Spiel tatsächlich bewegen“, sagt Niklas. „Durch den Einsatz von IMA stellen wir sicher, dass ihre Vorbereitung verhaltensspezifisch ist und nicht nur auf das Trainingsvolumen ausgerichtet.“

Catapult Sports GPS-Weste

Auf dem Weg zu prädiktiven Entscheidungsregeln

Niklas’ Ansatz basiert darauf, den Fokus von der Beschreibung (Was ist passiert?) auf die Vorhersage (Was sollten wir als Nächstes tun?) zu verlagern. Die zentrale Frage lautet dabei: Wie können wir unsere Leistung bei der Präsentation verbessern?

ANPASSUNG AN ROLLE UND KONTEXT

Letztendlich spielt das Verhalten der Spieler sowohl für die Leistungsfähigkeit als auch für das Verletzungsrisiko eine zentrale Rolle. Eines der häufigsten Probleme, das von Trainern übersehen wird, ist nicht die hohe Belastung, sondern die ungewohnte Belastung.

Spieler können sehr anspruchsvolle Bewegungen wiederholen, wenn diese zu ihrem normalen Verhaltensrepertoire gehören. Werden Sportler jedoch plötzlich mit ungewohnten Bewegungsabläufen bei hoher Intensität konfrontiert, steigt das Verletzungsrisiko, und die Leistung lässt oft nach.

Durch die Kombination von GPS-Daten mit Trägheitsdaten konzentriert sich Niklas darauf, zu verstehen, wie sich Spieler in ihrer jeweiligen Rolle typischerweise bewegen. Dies hilft Trainern dabei, zu beobachten, ob Spieler sich im Rahmen ihrer normalen Bewegungsmuster bewegen oder in Verhaltensweisen abgleiten, auf die ihr Körper weniger gut vorbereitet ist.

  • Das Signal: Veränderungen im typischen Bewegungsmuster eines Spielers, auch wenn die Gesamtbelastung ähnlich bleibt.
  • Die Entscheidung: Anpassung der Trainingsaufgaben, der Intensität oder der Rollenverteilung, damit die Spieler weiterhin Bewegungsabläufe ausführen, auf deren Wiederholung sie vorbereitet sind.
Analyse des Katapult-Trainings auf Matchtracker

TECHNOLOGIE ALS MOTOR DER NEUGIER

Für Niklas ist das Catapult-Ökosystem der Motor dieser Neugier. Die Möglichkeit, detaillierte Bewegungsdaten über eine API abzurufen und in langfristige Längsschnittmodelle zu integrieren, ermöglicht es ihm, Spieler für die Zukunft zu profilieren.

„Um diese Grenzen zu verschieben, braucht man Detailgenauigkeit“, bemerkt Niklas. „Ich nutze diese Daten, um für den Spieler eine Geschichte zu entwickeln, sein Profil zu erstellen und Veränderungen darin hervorzuheben. Ich beweise nicht nur, dass er fit ist; ich mache seinen taktischen Beitrag durch die Qualität seiner Bewegungen sichtbar.“

DER NÄCHSTE HORIZONT: DIE ZUKUNFT VERPACKEN

Letztendlich geht es bei Niklas’ Ansatz in der Sportwissenschaft nicht nur darum, das nächste Spiel zu gewinnen, sondern um die langfristige Entwicklung des Sportlers und des Vereins. Indem sie Daten eher als Sprache denn als Zeugnis betrachten, können Vereine damit beginnen, Spieler für die internationale Bühne zu positionieren und ihre täglichen Leistungen in eine Geschichte von Zuverlässigkeit und taktischer Eignung zu übersetzen.

„Die Spieler haben die Verantwortung für das, was sie auf dem Spielfeld leisten“, sagt Niklas. „Aber als Fachleute beeinflussen wir das Umfeld und die Menschen, die Entscheidungen über diese Spieler treffen. Ob Trainer, Scouting-Abteilung oder Nationaltrainer – Daten machen den Wert eines Spielers sichtbar.“

Da der Fußballkalender immer dichter wird, wird die Fähigkeit, „das Wesentliche aus der Masse herauszufiltern“, zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Durch die Kombination der grundlegenden Leistungsdaten aus dem GPS mit den Verhaltensanalysen von IMA können Fachleute endlich Erkenntnisse liefern, die tatsächlich die nächsten Entscheidungen vorantreiben.

Niklas Virtanen bei einer Trainingseinheit, bei der er die Bewegungen der Spieler analysiert

ÜBER DEN EXPERTEN: NIKLAS VIRTANEN

Niklas Virtanen ist Leiter der Sportwissenschaft beim FC Midtjylland und hat sich auf die Schnittstelle zwischen Leistung und Entscheidungsfindung in einem Hochleistungsumfeld spezialisiert. Mit über acht Jahren Erfahrung in der Hochleistungsberatung und im Profisport schlägt Niklas eine Brücke zwischen Rohdaten und der taktischen Realität auf dem Spielfeld.

Derzeitige Position: Leiter der Sportwissenschaft, FC Midtjylland.

Fachgebiete: Leistungsoptimierung, datengestützte Spielerentwicklung und Entscheidungshilfe.

Philosophie: Daten sollten nicht als Anzeigetafel dienen, sondern als gemeinsame Sprache, die dazu beiträgt, die sportliche Entwicklung voranzutreiben und die Entscheidungsfindung zu verbessern.

Was ist der Unterschied zwischen GPS und IMA im Fußball?

GPS erfasst „Motorik“-Kennzahlen wie Gesamtstrecke und Geschwindigkeit, während IMA (Inertial Movement Analysis) mithilfe von dreiachsigen Sensoren „Fahrer“-Verhaltensweisen wie explosive Mikroaktionen und multidirektionale Intensität erfasst.

Wie wirkt sich eine „ungewohnte Belastung“ auf das Verletzungsrisiko aus?

Eine hohe Belastung allein stellt nicht das Hauptrisiko dar; das Risiko entsteht erst, wenn Spieler auf Bewegungsmuster stoßen, auf die sie nicht vorbereitet sind. Durch die Kombination von GPS und IMA können Trainer diese Veränderungen erkennen, bevor sie zu Verletzungen führen.

Was ist das Catapult Football Movement Profile (FMP)?

Das von Catapult entwickelte „Football Movement Profile“ (FMP) nutzt Algorithmen auf Basis von Trägheitssensoren, um fußballspezifische Bewegungen zu erfassen und diese in multidirektionale (dynamische) und stationäre (lineare) Kategorien sowie verschiedene Intensitätsstufen (niedrig, mittel, hoch) einzuteilen.

Die Identifizierung dieser Bewegungen ermöglicht einen besseren Einblick in die mechanische Arbeit, die Athleten während einer Aktivität leisten. Dadurch können Fachleute fundiertere Entscheidungen zum Belastungsmanagement sowohl während als auch nach der Aktivität treffen.

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